Im Theaterzelt

Eine weitere Aktion beim Kultursommer Hessens der Gonterskirchener Gruppe FIASGO im Jahre 2001 

"Über die Ufer"

Ein Gegenstand: der mobile Jagdhochsitz, den wir als „Thron‟ unseres hohen Kunstrichters bei „Land & Leidenschaften‟ genutzt hatten.

Eine Erkenntnis: unser Gruppenmitglied Andreas war die Idealbesetzung für Rollen, die theatralische Ansprachen von hoher Warte vorsahen.

Eine Entwicklung: als Autor im Gruppenverbund fand ich neuerdings Gefallen daran, Bühnentexte zu schreiben.

Das waren Gegebenheiten, die dazu beitrugen, dass unser zweites Programm für den Mittelhessischen Kultursommer Gestalt annehmen konnte. Wir ließen uns Zeit damit und erholten uns von den Strapazen des „Grenzgangs‟. Dabei experimentierten wir ausführlich in unserem abgeschiedenen Open-Air-Probestudio auf dem Berg mit szenischem Spiel und Musik. Außerdem warteten wir geduldig ab, ob die Jahrtausenwende – wie vermeintlich hellsichtige Schwarzseher vorhersagten – wirklich den Weltuntergang brächte. Als dieser Fall nicht eintrat, bewarben wir uns wieder beim Kultursommer. Dessen Motto lautete im Jahr 2001 „Kunst in Bewegung‟. Unser Konzept versprach ein bewegungsreiches Bühnengeschehen. Wir erhielten die Förderzusage. Auch das Kulturamt der Stadt Laubach und die Sparkassen-Kulturstiftung unterstützten uns bei dem groß angelegten Vorhaben.

Über die Ufer‟ nannten wir den Theaterabend, der drei selbständige Einakter umfasste, die jeweils am Wasser spielten. Maskenspiel und Musik waren in die Gesamtinszenierung integriert. Damit hatten wir uns viel vorgenommen. Uns war klar, in einer einzigen Campwoche ließ sich das nicht einstudieren. Zum Glück verfügte Gruppenmitglied Heinz in Köln über den geeigneten Ort für intensive Vorbereitungstreffen. In den Räumen der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) kamen wir zusammen, um gemeinsam Abläufe zu klären, Rollen zu vergeben, Szenen zu proben, erschöpft in die Nächte hinein zu tafeln.

Nach der Vorbereitung im Trainingslager zogen wir aufs Gelände an der Gonterskirchener Grillhütte und errichteten diesmal dort ein geräumiges Theaterzelt. Zum Glück hatte die Gruppe Verstärkung aus Krefelder Designerkreisen bekommen, zu denen wir beim Symposion Weißenseifen Kontakte geknüpft hatten. Rüdiger baute in tagelangem Einsatz mit Helfern (darunter unser Michael im Arbeiter-Blaumann) den Bühnenraum spieltauglich auf. Märchenhaft schön wartete die Eröffnungsszenerie darauf, dass sich die Bankreihen füllten: Eine aus poolblau gefärbten Styroporblöcken gefügte Beckenumrandung mit Wasserimitat, dazu der hohe Aufseherposten (eine Leihgabe des Laubacher Tennisclubs, ein Schiedsrichter-Hochsitz) und eine Kioskfront mit echtem „Langnese‟-Fähnchen.

Als begabter Mime war Armin – wie unser Erster Gitarrist Marco und der Stückeschreiber ebenfalls ein Mann aus der Hochschulverwaltung – zur Gruppe gestoßen. Er übernahm Hauptrollen in allen drei Dramoletten. Schon im Auftaktstück des Abends, dem „Freischwimmer‟, vermochte er als Kioskmann im Duett (oder Duell) mit dem gestrengen Schwimmmeister, natürlich gespielt von Andreas, das Publikum zu schallendem Gelächter und Szenenapplaus zu bewegen. In der Außenwelt feiert man gerade die „Schäferkirmes‟. Niemand kommt zum Schwimmen. Am Topf mit den Brühwürsten hantiert bodenständig und aufmüpfig der Kioskmann. Ihn zieht’s aufs Volksfest, und so will er den Chef überreden, für heute zu schließen. Doch der lässt sich auf seiner Kontrollkanzel auf keinen Handel ein. Lieber deklamiert er von oben missgünstige Sentenzen über niedere Beweggründe, den Dienst als solchen, über Reinheit und das Triebwesen Mensch. Mit der Ankunft eines ehrgeizigen Vaters, der als Schwimmtrainer das leere Becken nutzen will, um seinen Sohn für die Olympischen Spiele zu ertüchtigen, nimmt die Handlung einen dramatischen Verlauf. Diesen Jungen konnte bloß unser sportlich-juveniler Ludwig geben. Aber wer eignete sich für die autoritäre Vater-Rolle? Als Sprechproben ergeben hatten, dass keiner der männlichen FIASGOten den geforderten herrischen Tonfall überzeugend über die Lippen brachte, schlug die Stunde von Martina (womöglich aufgrund ihrer profunden Lehrerfahrung). Nahezu avantgardistisch besetzten wir also schon 2001 eine Männerrolle mit einer Frau.

Auch das beklatschte unser Publikum heftig. Über hundert Leute drängten sich auf den Bänken im einmaligen Theaterzelt. Ihren Appetit auf Würstchen und Bier, den der malerische Bühnenkiosk angeregt hatte, konnten sie in der Pause und nach der gefeierten Abschlussverbeugung des gesamten FIASGO-Teams stillen.

Einen derartigen Aufwand für bloß einen Aufführungsabend zu betreiben, sei doch höchst unökonmisch, bemerkte eine kulturbewanderte Besucherin aus Gießen. Ja, bestätigten wir glücklich! Als Überschrift ihres Berichts, der „eine Riesengaudi‟ konstatierte, wählte die „Gießener Allgemeine‟: „Bürokratisch, misanthropisch und philosophisch‟. Da hatte jemand verstanden.

Aus einem Film extrahierte Standbilder

Den Film könnt Ihr Euch weiter unten herunterladen, wenn Euch die Bilder neugierig gemacht haben!

Das Programmheft des "Kultursommer" zur Veranstaltung