In die Versenkung
Die Jahre 2010 bis 2021

Bergen, geborgen, verborgen
Niemand von uns – weder mit halbgetrocknetem Karawanenschweiß auf der Haut noch ein Jahr später beim Augusttreffen 2010 – trat vor und erklärte: „Hiermit erkläre ich unsere öffentlichen Auftritte für beendet!‟ Es war ja ohnehin so, dass auf ein extrovertiertes FIASGO-Jahr ein introvertiertes folgte. Und so hielten wir es auch diesmal. Es war wohltuend, eine Woche ziellos auf dem Dürresberg zusammen zu sein und zu wissen, was uns einfällt, braucht nicht für die Außenwelt zu taugen, sondern höchstens für den Abschlussabend in privater Runde.
Bild links:
Im Schatten der Hainbuchen auf dem Dürresberg sommerte FIASGO noch einige Jahre weiter.

Aber wir „sommerten‟ nicht unschöpferisch und tatenlos weiter. Allen voran unser Camp-Ältester Michael, den wir wegen seiner grünen, südamerikanisch anmutenden Schirmkappe neuerdings „Commandante‟ nannten. Er blieb im Gelände tätig, saß kurz nach Sonnenaufgang schon verlässlich im Hain an seinem Schreibtisch, zog weiter Bahnen mit Schubkarre, Brecheisen, Laubrechen, Sichel und Säge.
Bild rechts:
Michael – auch mit weit über 70 noch in seinem Hain unterwegs und den Hölzern zugetan

und Säge. Außerdem schuf er uns nach einer „Bushaltestelle‟ (ohne Linienanbindung) auch eine „Birkenstube‟, in der sich bei Regen prächtig tafeln ließ. Einige packten bei ihm mit an, andere zeichneten, malten, hauten und schnitzten an Bildern, bauten an Masken, schrieben an Liedern, an neuen Bühnentexten, und wir musizierten fast jeden Abend. Doch allmählich verlor die Genügsamkeit, in der wir da oben zusammengefunden hatten, an Reiz und Bindekraft. Elektrischer Strom, mit dem man Handyakkus aufladen, Rechner am Laufen halten, Digitaltechnik beim Musikmachen und zum Präsentieren nutzen konnte, wurde mit der Zeit begehrter, Internetanbindung ebenfalls.
Bild links:
Wenn Fuchs und Hase sich „Gute Nacht‟ sagten, spielten wir dazu die Hintergrundmusik

Zu den Abschlussabenden unserer Hüttenwochen luden wir zehn, zwölf Stammgäste ein, spielten für sie und uns im kleinen Kreis. Aber der einigende Wille, wieder im Kollektiv an die Öffentlichkeit zu treten, stellte sich nicht mehr ein. Unsere Möglichkeiten und Grenzen als Gestalter gemischter künstlerischer Programme hatten wir gründlich ausgetestet. Auch die öffentliche Wahrnehmung, die wir mit unseren Aktionen im ländlichen Raum hervorrufen konnten, hatten wir ausgekostet. Und überdies waren wir in die Jahre gekommen, keine 35 mehr wie beim Start. Mit dem Altern ließ auch unsere Geländegängigkeit nach.
Bild rechts:
Unsere Wanderbühne erlebte einen erfüllten Ruhestand als Tischplatte für die ganze Gruppe.

Einmal wanderten wir aus, für eine Augustwoche in den Hunsrück, wo Bärbel und Paul uns 2013 auf der großen Obstwiese vor ihrem Haus ein zivilisationsnäheres Terrain eröffneten. Danach kehrten wir wieder zurück. Mit Michael, der jetzt schon über 70 war, aber den Dürresberg mehr brauchte und ihm mehr zu geben vermochte als jeder andere von uns. Sein Tod im April 2021 führte die Gruppe im Sommer noch einmal dort oben zusammen. Bei diesem Treffen dachten wir an ihn, unseren Commandante, sprachen über ihn, musizierten ihm zu, hinterließen Grußzeichen in der Baumrunde. Und dort, auf dem Platz, den er erschlossen und kultiviert hatte, gingen wir im Juli 2021 mit dem Verständnis auseinander: Ohne Michael besteht FIASGO nicht fort.
Bild links:
Michaels Schreibtisch steht noch da, setzt Moos an und bietet herangewehten Buchenblättern eine Landefläche