Land & Leidenschaften

Arbeiten im Gelände: Von der Rodung zur ersten Inszenierung

Wer, wie, was?

Wir – das waren beim Start etwa ein Dutzend Leute, die meisten damals Mitte 30. Unsere zwei Senioren, Michael und Paul, hatten 15 bis 20 Jahre Vorsprung an Lebenserfahrung. Aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz stammte der Großteil von uns, eine Französin und ein Italiener waren auch dabei. In dieser Besetzung nahmen die „Internationalen Augustspiele Gonterskirchen‟ auf dem Unland des Dürresbergs Fahrt auf. Die Bildende Kunst war durch zwei Freischaffende vertreten, aber auch durch Pädagogen, die in dem Fach Arbeitserfahrung besaßen; ein paar Gruppenmitglieder hatten Design studiert, andere Literaturwissenschaft. Nicht wenige von uns verdienten ihren Lebensunterhalt im Schul- oder Hochschuldienst und kultivierten in der Freizeit ihre Talente: Bildhauerei, Maskenbau, Photographie, Musik, Wortkunst. Michael schritt in der Frühzeit mit Schubkarre, Spitzhacke, Säge, Heckenschere, Sichel und Laubrechen voran, um das Gelände zugänglicher und konturierter zu machen. Er erkundete auch das zunächst unbeachtete Hinterland. Unter den Hainbuchen erschloss er ein einladendes Schattenreich und schnitt dort eine „Baumrunde‟ frei.

Bild links: Michael Rutkowsky, als Vorarbeiter und ...

Mit Fundsteinen gestaltete er einen neuen Platz, der uns zum Versammlungsort wurde und einen bespielbaren Naturraum bot. Alle konnten sich hier während unserer „Hüttenwoche‟ dem zuwenden, was sie interessierte. Ein Podest, das ein Wasserfass trug, Holzklötze, auf denen Steinquader und Werkzeuge lagen, Tischplatten mit Papieren und Stiften, Stühle, Notenständer und Musikinstrumente wuchsen mit einem Mal unter den Buchen aus dem Boden.

Bild rechts: ... am selbstgebauten Schreibtisch im Gelände omnipräsent

Als Antwort auf die Frage, „Was können wir gemeinsam schaffen?‟, fiel uns allmählich etwas ein, wahrscheinlich spätabends am Feuer, der Fotoroman „Silvana‟. Das Vorhaben verband szenisches Spiel, Sprache und Abbildung, Fotograph war unser versierter Lichtbildner Marco. Die Handlung: Eine Fee im roten Kleid, verkörpert von Sylvie, lockt auf dem Lande mehrere Verehrer ins Verderben. Am Ende sind Opfer zu beklagen, aber auch lehrreiche Erkenntnisse über das menschliche Sosein offenkundig. Zwar heckten wir die dramatische Abfolge auf unserem abgehobenen Außenposten aus, bei der Umsetzung aber nutzten wir unsere guten Kontakte zu den Einheimischem unten im Tal. Eine Bäuerin stellte uns für eine heftige Szene ihren ferrariroten Traktor (mit Mähbalken!) zur Verfügung.

Bild links: Erstes gemeinsames Spielprojekt: der Fotoroman „Silvana‟

Ein wohlgesonnener Teichbesitzer gestattete uns großzügig, am Ufer seines Gewässers die Fee einen liebestollen Angler narren zu lassen. Mit geladenen Gästen aus dem Dorf führten wir zum Abschluss auf dem Dürresberg unseren Fotoroman per Diaprojektion vor. Den Strom lieferte uns ein Generator, den wir möglichst weit weg in einer halbwegs schallschluckenden Grube untergebracht hatten. Der Spaß, den wir bei der Produktion hatten, und die Publikumsreaktion bei der Inszenierung im kleinen Kreis ermunterten uns, künftig kurzzeitig aus dem Abseits unseres Geländes hervorzutreten. Wir beschlossen, Ausgewähltes von dem, was wir bei unseren Augustspielen zustandebrachten, da unten in der Zivilisation zu präsentieren.

Bild rechts: 
Frühes Kapitel im Fotoroman: Am Teichufer ködert die Fee den Angler Andreas.  Siehe dazu auch die Moritat zum Fotoroman am Ende der Seite.

So kam es 1997 – schon damals mit Unterstützung der AG Kultur Gonterskirchen – zum ersten öffentlichen FIASGO-Auftritt, der Revue „Land & Leidenschaften‟. Schauplatz war das Gelände an der damaligen Grillhütte. Am Ostrand des Dorfes, wo heute ein schön anzuschauender „Waldkindergarten‟ residiert, versammelten sich an einem Augustwochenende mehr als 100 Leute, um die Premiere mitzuerleben. Vorab hatte der Hessische Rundfunk auf eine Art über das „Gonterskirchener Traktorendrama‟ berichtet, die neugierig machte. Das Programm bot nach einer Eröffnung durch einheimische Jagdhornbläser Originalbeiträge zu diversen „Arten der Liebe‟: ein Maskenspiel zu Gitarrenmusik, die Lesung von Lovestories, den Vortrag eines dörflichen Ehestandsliedes und eines Rock’n’Roll-Songs sowie ein kurzes szenisches Spiel zum Thema „Heimatliebe‟. Eine eigens verfasste Moritat mit dem Titel „Silvana‟ leitete als Ouvertüre über zur Hauptattraktion des Abends, dem Fotoroman. Im Dunkeln unter freiem Himmel inszenierten wir ihn als Dia-Show mit szenischer Lesung und Einspielungen von Live-Musik. „Ein gelungenes Kunst-Spektakel im Gonterskirchener Wald‟ befand der „Gießener Anzeiger‟ am 12. August 1997.

Bild links:
„Land & Leidenschaften‟: Vom hohen Kunstgericht beäugt tragen Jutta und Martina ein lokales „Ehestandslied‟ vor.

Weitere Impressionen