Bühnenwerkstatt im Buchenhain
Die Geschichte der Gonterskirchener Gruppe FIASGO (1994 - 2021) - Ein Rückblick von Seep Jakobs

Wo, woher, wann?
„Unland‟ – So bewertet das Grundbuch die Erdoberfläche, auf der in den neunziger Jahren eine Gruppe zusammenfand, die sich bald „Freunde internationaler Augustspiele Gonterskirchen‟ (FIASGO) nannte. Von den Einheimischen hörte man seinerzeit als Namen für die keine zwei Kilometer vom Dorfkern gelegene Anhöhe „Leuchtestock‟ oder „Dürresberg‟. Jutta hatte dort eine betagte Hütte und ein umzäuntes Gelände erworben, auf dem es vor allem Hainbuchen und Birken, unzählige Steine, keine Quelle und keinen elektrischen Strom gab. Das Terrain komplettierte ein grüner Vorplatz jenseits des Zauns, eine Hangwiese, deren obere Meter eben genug waren, darauf Zelte zu errichten.
Bild links: Das FIASGO-Zeltlager auf dem Dürresberg in den neunziger Jahren

Dass wir dort zu campieren begannen (mit der erklärten Absicht „zu sommern‟), hatte viel mit einem anderen Ort zu tun: Weißenseifen. Eine „Künstlersiedlung‟ am Westrand der Republik, zirka 235 Straßenkilometer von Laubach entfernt. Dort waren einige von uns einander zu Beginn der achtziger Jahre erstmals begegnet; auf einer ausgedehnten Waldlichtung, wo der Bildhauer, Maler und Zeichner Albrecht Klauer-Simonis (1918 – 2002) zum „Symposion Weißenseifen‟ geladen hatte. Regelmäßig im Sommer öffnete er das Gelände bei seinem Atelierhaus für Teilnehmer, die es in der Kunst schon zu etwas gebracht hatten. Willkommen waren aber auch interessierte Laien, die sich auf das dortige Treiben einlassen wollten. Hauptbeschäftigung in den frühen Jahren war die Bildhauerei unter freiem Himmel, ohne maschinelle Erleichterung, mit Hammer und Meißel. Als Werkmaterial diente der in der Gegend reichlich vorhandene Sandstein.
Bild rechts:
Über Jahrzehnte hinweg stand die Tür zum Hüttengelände im August dauernd offen

Ein „Primitivismus‟, der vor allem junge Leute und Komfort-Verächter anlockte, prägte auch das dortige Gemeinschaftsleben. Man konnte vier Wochen lang zwischen Ginsterbüschen zelten, unter einer Dusche mit kaltem Brunnenwasser bibbern, zwischen zwei Plumpsklos wählen, sich bei auch sommers oft rauem Eifelwetter am Holzofen in einer Schutzhütte aufwärmen und in deren zugigem Vorraum über Gasflammen kochen. Abends versammelte man sich an der Feuerstelle draußen beim großen Steintisch, zum Gruppengespräch und häufig auch zum Musizieren in die Nacht hinein. Mit den Jahren erweiterten wir das Programm um andere Disziplinen der Bildenden Kunst, auch eine Literaturwerkstatt führten wir ein. Die Infrastruktur des Geländes entwickelten wir beständig fort. Zur Zentralfigur Albrecht kamen anders geartete Persönlichkeiten hinzu, die den Jüngeren vormachten, wie und auf welch vielen Feldern sich schöpferisches Tun entfalten kann.
Bild links:
Wasserfass und Outdoordusche gehörten zur Grundausstattung

Eine von ihnen war Michael Rutkowsky (1939 – 2021), dessen Lebensweg von Sumatra über Hessen und weitere Stationen zum Symposion Weißenseifen geführt hatte. An der Kunstakademie Düsseldorf, bei deren berühmtestem Lehrer er Meisterschüler gewesen war, hatte er Mitte der siebziger Jahre sein Studium abgeschlossen. Inzwischen war er ein freischaffender Künstler, dessen Arbeit uns faszinierte und forderte. Er baute an hölzernen Installationen, schrieb dazu fortlaufend überaus eigensinnige Texte in Mappen, skizzierte mit Linien auf Papier, aber auch mit Dachlatten im Grünen. In ausschweifenden Ansprachen ließ er uns an der Fortbewegung seines Denkens teilhaben. Zu seinem opus magnum in Weißenseifen wuchs in einem mehrjährigen Konstruktiosprozess der „Regendampfer‟ heran.
Bild rechts:
Der Pavillon: Werkstatt und Esszimmer in der Anfangszeit der Gruppe

Mit diesem Gedankengebäude, das als Holzbauwerk reale Gestalt annahm und als eine Art Forum zugänglich war, stieß er auf dem Symposionsgelände an Grenzen. Vielleicht überschritt er sie auch. Vom Grundstückseigner erhielt er schließlich die Anweisung, den „Regendampfer‟ zurückzubauen. Er tat, wie ihm geheißen, und ging dann fort. Dieser unfreiwillige Abschied beschäftigte einige von uns stark. Es verlangte uns, einen neuen Schaffens- und Verständigungsort für Michael zu finden. Jutta bot an, es in Gonterskirchen auf dem Dürresberg zu versuchen. Damit fingen wir 1994 an.
Bild links:
Jutta auf dem Gelände des „Symposions Weißenseifen‟ vor Michael Rutkowskys „Tor der irdischen Fahrt‟