An die Grenze

Nach der extrem fordernden Aufführung an der Kirchenruine hatten einige von uns die Nase voll von FIASGO-Großveranstaltungen. Doch Nasenpfropfen können sich lösen. Und außerdem köderte uns der Kultursommer 2009 mit einem Motto, das imstande war, ermüdete Artisten wieder in die Welt zu locken: „Unterwegs sein‟.

Kurs auf Cap Finisterre

Läge unser Dorf am Main oder Mississippi, hätten wir es vielleicht mit einem Bühnenfloß versucht ... Eine Weitenanbindung, die Gonterskirchen real zu bieten hat, besteht in der Nähe zu einem der längsten Fernwanderwege des Kontinents, dem E3 (Atlantik – Ardennen – Böhmerwald). Ein paar Kilometer südlich des Dorfes kreuzt er die L 3138. Stellt man sein Auto dort ab, hat man die Wahl: Schwarzes Meer (bis dorthin soll der E3 künftig führen) oder Atlantik.

Wir entschieden uns für die Westrichtung, nicht zuletzt weil es an der spanischen Küste einen Zielort gibt, den man „Ende der Erde‟ nennt. So konnten wir unsere Veranstaltung „Kurs auf Cap Finisterre‟ nennen.

Bild rechts: 
Dem Atlantik zugewandt bewegt sich die FIASGO-Karawane durch Wald, Wiesen und den kleinstädtischen Samstagnachmittag zum Kulturzentrum in Hungen.

Immerhin waren wir so klug, unseren sportlich-künstlerischen Anspruch auf „8000 Bühnenmeter bis Hungen‟ zu reduzieren. Das war es dann aber auch mit der Selbstbeschränkung. Unser Vorhaben tendierte zur Maßlosigkeit. Eine „Kunstkarawane‟ am Nachmittag kündigten wir an und ein Abendprogramm. Die Jury gab uns den Zuschlag (und 1500 Euro Fördergeld). Das städtische Kulturamt, der „Freundeskreis Schloss Hungen‟ und die AG Kultur Gonterskirchen trugen dazu bei, dass wir am 8. August 2009 bei freundlichem Sommerwetter um 15 Uhr tatsächlich auf dem E3 loszogen. Eine stattliche Kolonne, mit buntem Volk, Transportkarren, Trompetensignal, Trommelbegleitung und über Kopfhöhe getragenen Kunstobjekten.

Bild links:
Maritime Erscheinungen auf dem grünen Festland: Fata Morgana, Spuk oder Kunst?

Wir hatten die ganze mittelhessische Menschheit dazu eingeladen, sich unserem Zug anzuschließen. Etliche Abenteuerlustige taten das auch, wenige mischten sich sogar mit eigenen Beiträgen ein. Ein Chronist, der vermag, die Programmfülle dieser FIASGO-Unternehmung knapp und doch vollständig zusammenzufassen, ist in meiner Schreibstube nicht auffindbar. Schorsch und Loni als Piano-Gesang-Duett mit „Summertime‟;

Dillis Chanson-Auftritt mit dem jungen Edgar an der Trompete; Bärbels gemalter Rollfilm auf einer 25 Meter langen Papierbahn ...

Auf der Wanderstrecke gab es im Wald und an Wiesen viele solcher Stationen mit Bildender und Darstellender Kunst, Musik und Sprache.

Nachdem unser Maskenensemble „Mirnixdirnix‟ schon als dubioses Erosgewerbe-Duo am Wegrand gelauert hatte, spielte es abends als Trio im Kulturzentrum eine Reihe von Szenen unter dem Titel „Auf Reisen‟. Publikum und Presse wussten es zu schätzen, dass dabei der Bahnhof Hungen Schauplatz war.

8000 Bühnenmeter...

...da konnte man vieles entdecken.

Im folgenden Bühnenstück, angelegt als Prüfung künftiger Wanderführer, ging es satirisch-grotesk um die Neuausrichtung des Fernwanderwegs. Ursprünglich hatte der E3 ganz unfromm westwärts an die französische Atlantikküste geführt, inzwischen aber steuert er - voll im Massentrend der Jakobsweg-Pilgerei - Santiago de Compostela an.

Als musikalisches Finale zum Thema „Zeit zu gehen‟ intonierten Andreas und Marco mit kleiner Band eigene Songs über Fernweh und Herkunft. Damit bescherten sie dem Abendprogramm einen Ausklang, dessen rockige Passagen verkündeten, dass noch nicht alle Energie verbraucht war. Die elegischen Töne leiteten über in die nächtliche Melancholie der Ankunft.

Kunst ist die Freiheit, außergewöhnliche Ideen tatkräftig umzusetzen‟, definierte die „Gießener Allgemeine‟ zu Beginn ihres Berichts über unsere Kunstkarawane und befand mutig: „Dafür ist die Gruppe Fiasgo als Ableger der AG Kultur Gonterskirchen hinlänglich bekannt.‟

Von unserer Tatkraft im Gruppenverbund hatten wir allerdings auf dieser Tour ein gehöriges Quantum aufgebraucht.

Masken, Musik und magische Momente