Sciene Fiction in Ruinen
FIASGO beschreitet neue Wege mit einem Regisseur aus Marburg
und blickt 2007 auf einem Wüstungsgelände weit hinaus in die Zukunft

Zukunftsmusik
Unser Publikumsliebling aus dem Theaterzelt war in außerdörfliche Regionen vorgedrungen. Beim „1. Marburger Kurzdramen-Wettbewerb‟, zu dem das dortige „Theater GegenStand‟ Stückeschreiber eingeladen hatte, wählte die Jury vier Gewinner aus. Der „Freischwimmer‟ gehörte dazu. Mit dem Preis war die Inszenierung durch kleine Ensembles und die Aufführung im festlichen Rahmen einer Gesamtschau in der Marburger Waggonhalle verbunden. Als Autor war ich dazu eingeladen. Zuvor konnte ich beim „Werkstattgespräch‟ das Team kennenlernen, das mein Schwimmbadstück ganz anders als wir und doch so stimmig auf die Bühne brachte. Aus dieser Begegnung mit dem jungen Regisseur Steffen Schmidt erwuchs eine längere Zusammenarbeit, die sich auch auf die Gruppe FIASGO erstreckte.
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Ertragreiche Begegnung beim Marburger Theater-Wettbewerb: Der Autor mit Regisseur Steffen Schmidt (rechts)

Die Ausschreibung zum „15. Kultursommer Mittelhessen‟ nannte als Motto „Zukunftsmusik‟. Schon damals muss mit dem Klima etwas herangeweht sein, das mich dazu brachte, bei „Zukunft‟ an „Wüste‟ zu denken. Vielleicht begann die Idee 2006 auf einer Wanderung zu keimen, die ein paar Kilometer von Gonterskirchen entfernt an der Wüstung Ruthardshausen vorbeiführte. Dort steht auf einer Anhöhe im Wald die Kirchenruine als Überbleibsel einer längst aufgegebenen Siedlung. Diesen wirklichen Ort machte ich in einem Bühnentext für FIASGO zum Schauplatz eines fiktiven Geschehens in ferner Zukunft. „In die Wüstung‟ betitelten wir das Konzept, mit dem wir uns bewarben. Erneut mit dem erhofften Ergebnis: Doch diesmal erhielten wir nicht nur die Förderzusage (1.500 Euro), sondern auch ein Zusatzgeschenk. Bärbel hatte für die Veranstaltung ein Foto bearbeitet, indem sie die reale Ansicht der Kirchenruine mit einem futuristisch leuchtenden Lindwurmgebilde kombinierte.
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Siedlungsreste im Wald: Die Kirchenruine Ruthardshausen

Dieses Motiv wählte das Management des Kultursommers als Titelbild des Programmheftes. So stimmte FIASGO die „Zukunftsmusik‟ der gesamten Kulturregion an. Im Innenteil stand über unser Schauspiel zu lesen: „Mitteleuropa um das Jahr 2500: Auf einem Wüstungsgelände sucht ein Forschungsteam nach Resten der untergegangenen Premium City M. Ein Besuchertag soll der interessierten Öffentlichkeit Einblick in die Forschungsarbeiten geben. Doch es läuft anders als geplant ...‟ Und noch etwas gab das Programmheft bekannt: Diesmal leitete ein Gastregisseur unsere Inszenierung, Steffen Schmidt vom Theater GegenStand Marburg.
Das gräfliche Haus in Laubach, zu dessen Besitz die Wüstung gehört, hatte uns erlaubt, dort zu spielen. Die Stadt, vertreten durch ihre Kultur und Bäder GmbH, begrüßte in einem Statement, dass FIASGO nun zum fünften Mal „Laubach als Kulturstandort wirkungsvoll präsentiert‟. Die AG Kultur Gonterskirchen verbreitete eine Presseankündigung und erläuterte, das Stück stelle auch die ernsthafte Frage, „wie lange der Heimatplanet Erde unsere Art der Zivilisation noch erträgt‟.
Sprechtheater mit großer Besetzung an mehreren Schauplätzen unter freiem Himmel. Maskenspiel und Musik waren in die dramatische Handlung auf dem Ruinengelände eingebunden. Eine Gästeführung zum Hauptschauplatz an den historischen Gemäuern sollte das Spielgeschehen eröffnen. Ein komplexes Programm, wir hatten uns wieder an einem Intensiv-Wochenende bei Heinz in Köln darauf vorbereitet.

Während der akuten Woche lebten wir fast mehr bei der Ruine als in unserem Camp auf dem Berg. Ein Team baute das Forschungsszenario auf, dessen Mittelpunkt ein monströser zukunftstechnologischer Apparat bildete, die von Bärbel und Paul konstruierte „Erdabhöranlage‟. Andere statteten mit professionell gestalteten Schautafeln den Weg aus, den unser Publikum (in der Rolle der Gäste des Besuchertages) vom Parkplatz hinauf zur Ruine nehmen sollte. Stromleitungen mussten gelegt, Licht- und Beschallungstechnik installiert, Zuschauerbänke geschleppt und aufgebaut werden. Die Schauspieler arbeiteten an ihren Auftritten, das bewährte Quartett in den vier Hauptrollen: Armin als „Projektleiter‟, Andreas als „Assistent‟, Martina als „Kryptologin‟ und Ralf als „Gräber‟, der im Unterschied zu den Wissenschaftlern der Zukunft einer „alten Schule‟ angehört. Die Musikcombo probte draußen an den Intermezzi, die Maskenspieler an ihrem Gespinstbeitrag zum apokalyptischen Finale ...
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Während Kryptologin und Assistent noch harmlos im Hintergrund an der Erdabhöranlage sitzen, macht der Projektleiter samt Gattin am Publikumseingang gute Miene

Zum Wochenende hin begann es zu regnen und wollte nicht mehr aufhören. Die Smartphoneritis hatte seinerzeit noch nicht um sich gegriffen, was im konkreten Fall von Nachteil war. Denn die Nachricht, „Wir spielen trotzdem!‟, konnten wir nicht kurzfristig, zielgenau und penetrant versenden. Die mobile digitale Kommunikation – Rückstände davon und Belege für eine damit einhergehende Verblödung sucht das Forschungsteam unseres Zukunftsdramas im Erdreich – war im Jahr 2007 noch nicht derart weit fortgeschritten wie heute.
Im Nachmittagsregen am Aufführungssamstag dachten viele durchaus Interessierte, die Veranstaltung falle aus oder sei unzumutbar, und blieben daheim. Etwa eine halbe Stunde vorm angegebenen Start (20 Uhr) zeigte der Himmel Gnade. Wir spielten für rund 70 wetterfeste Gäste. Und für uns selbst. Nach der ganzen Anstrengung, Vorfreude und einer nervenaufreibenden Generalprobe wollten wir jetzt unbedingt auch die Uraufführung unseres Stücks erleben.
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Um aus dem Erdreich schlau zu werden, empfiehlt der altmodische Gräber: „Graben, graben, graben!‟

Es lief gar nicht schlecht. Wir gelangten ohne Pannen zum angestrebten unguten Ausgang. Danach feierten wir im alten Jägerhaus am Fuß des Ruinenhügels mit dem tapferen Publikum eine Aftershow-Party, die es in sich hatte. Weil es drinnen so rauschhaft zuging, hörten wir nicht, wie es draußen wieder zu schütten begonnen hatte. Den Abbau im Sumpf des nächsten Tages ertrugen wir wie eine eigene Art der Wasserfolter.
„Schier unfassbarer geistiger Degeneration auf der Spur‟ – so betitelte der „Gießener Anzeiger‟ am 31. Juli 2007 seinen großen Bericht über unser Schauspiel und erkannte darin „eine bissige Satire auf die Archäologie‟.
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Am Ende tauchen Maskierte auf und beginnen, ein Gespinst um den ganzen Schauplatz zu flechten.